Die Täter von innen

04.07.2017

Friedrich Hebbels Tragödie JUDITH feiert im September Premiere: Auf der Probebühne haben wir von Regisseur Alexander Nerlich erfahren, warum dort mit Puppen gespielt wird – und Friedrich Hebbel keine Angst vor dem „too much“ hatte.

In euren Proben habt ihr einen Puppenworkshop gemacht? Ja. Wir glauben, dass in der Wahrnehmung des „großen Kriegers“ Holofernes Menschen und Dinge dasselbe sind oder ineinander verschmelzen. Dieser Gedanke kommt aus einem von Hebbels Tagebüchern, das hat uns zum Puppenspiel geführt: Holofernes ist auf einem Vernichtungsfeldzug und hinterlässt nichts. Orte von Identität, Geschichte, Glauben, Wissen und Tradition sollen vernichtet werden. Das entzieht sich natürlich erstmal völlig unserer Vorstellungskraft. Wir wollen aber eine Ahnung davon geben, dass dieser Mensch so etwas macht – und dafür brauchen wir das Puppenspiel. Wir versuchen seine wie auch Judiths Träume auf der Bühne zum Leben zu erwecken, dass sie nicht nur erzählt werden, sondern miterlebbar sind. In dem Workshop (Leitung: Dorothee Metz und Vanessa Valk) haben wir mit am Haus vorhandenen Materialien geguckt, was möglich ist: Wir verwenden keine professionell gebauten Puppen, sondern Puppenteile, Körperteile, die man verrenken, biegen, brechen und sonstwas mit ihnen veranstalten kann. Darum geht es ja auch: Die Schauspieler, die die Puppen führen, können zu Tätern werden, indem sie die Puppen, denen sie eben noch grazil Leben einhauchen, im nächsten Moment zerreißen, zerstören oder misshandeln.

Damit soll das Stück beginnen? Genau, es gibt einen Vorspann, der in Holofernes Kopf spielt, einen Traum oder Wachtraum. Die Bilder seiner letzten Taten ziehen in abstrakter Form vorüber, das wird dann mit den Puppen gemacht und mit Menschen. Man weiß nicht: Was ist was? Ist der Puppenspieler ein schwarz maskierter Soldat, der gerade ein Opfer misshandelt oder spielt er das Opfer und nimmt dessen Rolle an? Körper kriechen durch den Raum, werden auseinander gerissen, setzen sich neu oder falsch zusammen, kriechen auf Holofernes zu, der sich mehr und mehr als zentrale Figur herausstellt und dann auch seine Maske abnimmt. Dann gibt es einen Moment des Erwachens, wo alles Leben die Puppenwesen verlässt. Die ganzen Gliedmaßen und Puppenteile fallen zu Boden – und Lichtwechsel. Der Traum ist aus.

Und dann? Dann wird Holofernes von seinen engeren Mitstreitern beargwöhnt, die sich schon länger fragen, was er macht, wenn er schläft. Träume sind ja ganz wichtig bei Hebbel, deshalb ist das gut, um das Stück zu beginnen.

Wie geht ihr die Inszenierung an, habt ihr genaue Vorstellungen oder entsteht alles im Probenprozess? Wir haben viele Ideen, aber keinen Masterplan, nach dem es geht. Das hat eher etwas von einer Fundgrube als von „Malen nach Zahlen“. Die Themen nehmen wir aus der Lektüre des Textes selbst. Wie es letztlich im Detail ablaufen wird, wollen wir zusammen mit den Schauspielerinnen und Schauspielern entwickeln. Diesmal ist mit Zana Bosnjak (Kostüme), Flurin Madsen (Bühne) und Malte Preuss (Musik) ja auch ein Team am Werk, das in dieser Konstellation noch nie zusammengearbeitet hat und das erste Mal hier in Darmstadt ist. Wir versuchen, unsere Ideen übereinander zu legen und in der Vorbereitung eine gemeinsame konzeptionelle Linie zu finden. Das ist – hoffentlich – unvorhersehbar in seinem Verlauf. Und gerade bei diesem Stück, diesem verschrobenen Text, liegt der Teufel im Detail. Der braucht keinen Masterplan, sondern ein von Moment zu Moment schauen.

Wie war Ihr erster Kontakt mit dem Stoff? Das weiß ich gar nicht mehr. Als ich Hausregisseur am Residenztheater war, sprach ich einmal mit Dieter Dorn, der sagte: „Ich kenne ein schmutziges Stück“. Als ich es gelesen habe, dachte ich: „Was für ein schwulstiger Text.“ Später habe ich dann gefunden: „Wow, was für eine konsequente Reise in die Innenwelt des Wahns und Größenwahns zweier Menschen, die gegen Gewalt nichts einzuwenden haben.“ Hebbel hat keine Angst vor dem „too much“. Das Stück schraubt sich rein in die Gedanken der Figuren, die in ihren Selbstdarstellungen, Selbsterhöhungen und egozentrischen Momenten genauso ernst genommen werden wie in intimeren Erlebnissen, die sie haben. Es geht um zwei Superegos. Sie dürfen sich ausmehren und wir müssen zuhören, sie dürfen ihr Unwesen treiben und wir müssen uns das angucken. Man verschluckt sich schon ganz schön an dieser Sprache. Leicht konsumierbar ist es nicht, soll es auch nicht sein.

Gibt es andere JUDITH-Inszenierungen, die Sie gesehen haben?
Nein, keine.

Ist das ein Vorteil, da so unvoreingenommen ranzugehen?
Unvoreingenommen bin ich nicht. Das kann ich nur sein, wenn ich den Text lese, so tue als wüsste ich nichts darüber und Fragen stelle. Das ist ein Arbeitsstadium bei mir, dass ich zettelweise blöde Fragen stelle. Das hilft später auch, um unterschiedliche Deutungsmöglichkeiten parat zu haben. Das macht aber auch konfus in der Birne. Wir machen Recherche zu dem Stück und denken nicht: „Boah, wir haben DIE geile Lesart gefunden“, sondern bieten Bilder und Szenen an. Das soll die Leute, die das gucken, verführen, diese zwei Täter von innen kennen zu lernen. Auch, wenn ihnen das im normalen Leben zuwider wäre. Das finde ich bei Hebbel toll: Es berührt mich, wie viel Persönliches in JUDITH eingeflossen ist, wenn sich jemand in seinem Werk traut, in Gebiete zu gehen, die für ihn angstbesetzt sind. Es macht einen Unterschied, ob man etwas macht, weil man ideologisch davon überzeugt ist, oder weil man es machen muss, aus Angst vor dem Gegenteil.

An jemanden gewandt, der JUDITH nicht kennt: Worum geht’s und was ist daran spannend? Judith ist eine Art Jeanne d’Arc aus biblischen Zeiten, die in einem Dorf, das sich wie bei Asterix einer militärisch überlegenen Macht widersetzt, zur Attentäterin aufschwingt. Sie findet den Mut, den berüchtigten Oberbefehlshaber dieser überlegenen Macht auszuschalten. Gleichzeitig ist es eine verrückte Liebesgeschichte, die all die scheinbaren Unversöhnlichkeiten und unüberbrückbaren Unterschiede zwischen zwei „Über-Gegnern“ komplett außer Acht lässt. Man kriegt eine ziemlich schräge Version dieser Heiligen erzählt, was erstaunlicherweise einen Gegenwartsbezug hat, weil Hebbel sehr viel Mühe darauf verwendet, sich in Figuren einzufühlen, die aus unterschiedlichen Gründen mit sich selber nichts mehr anfangen können und sich berufen fühlen, den Weg des Selbstopfers zu gehen.

Inwiefern opfern sich die Figuren? Sie verlassen die Normalität und isolieren sich radikal in ihrer jeweiligen Mission. Sie sind bereit, alles aufs Spiel zu setzen. Solche Figuren sind die Angstbilder unserer Zeit. Deren Worte so eindringlich zu Wort kommen zu lassen, ist wie eine Studie. Wie ticken diese radikalen Leute, wie denken sie sich hin zur Gewalt und dem, was Hebbel die „Grenzüberschreitung“ nennt? Sie sprengen die Grenzen ihres normalen Lebens, den inneren Kreis des Systems, das ihnen zugewiesen ist. Diese Menschen haben Hebbel glaube ich fasziniert. Er sagte: „Sich selbst zu verlieren ist der schlimmste Abgrund, in den man fallen kann.“ Der erste Traum, den Judith träumt, ist in einen schwarzen Abgrund zu fallen. Für ihn war das der Verlust des Glaubens oder die Demut vor Gott, die ganz radikale Züge annehmen kann. Beides kommt in diesem Stück vor. Was ist das, woran Judith so stark glaubt? Sie hat eine rigorose Religiösität aufgebaut, eine Zöllibatsideologie, hat ein vernichtendes Selbstbild. Sie hasst sich selbst, hat keine positive Hoffnung, dafür aber einen guten Grund für die demütigenden persönlichen Niederlagen gefunden, die sie im Leben hatte. Sie zweifelt sehr stark an sich und hält sich für ein grauenvolles Wesen, eine „unselige Frau“ ohne gesellschaftliche Funktion, die sich entweder umbringen oder ihren Daseinsgrund zurückerlangen muss, indem sie ihr verpfuschtes Leben für eine „höhere Mission“ einsetzt. Sie hat sich in ein ganz extremes „entweder, oder“ reingesteigert und weiß nicht mehr, wie es für sie weitergehen soll – in diesem Moment steht unerwartet die Belagerung vor der Tür. Andere geraten in Panik und sie freut sich über die Ausnahmesituation. Ihr Leben hat wieder einen Sinn.

Ist das ein Thema, das viele Zuschauer beschäftigen könnte – dass jeder denkt, er müsste in seinem Leben etwas Besonderes schaffen? Das beschäftigt schon viele, aber so, wie es bei uns verhandelt wird, wird das vermutlich eher abstoßen. Es sind keine Selbstverwirklichungsmonster, die sich die ganze Zeit selbst fotografieren und ihr Leben für die Netzwelt dokumentieren. So könnte man das auch erzählen, aber so machen wir das nicht, wir machen das eher… altmodisch.

So ein bisschen mehr „analog“?
Ja, genau. Eine Konzeptidee ist, dass sich Judith und Holofernes bei uns ineinander verwandeln. Sie träumen vom jeweils anderen und davon, der andere zu sein. Da gibt es kurz ein richtiges Rollenshifting zwischen den beiden, was ich gut finde, weil dann deren kulturelle Unterschiede nochmal konterkariert werden von dem riesigen Wunsch Judiths, so zu sein wie Holofernes: Sie will nicht nur wie er ein Mann sein, sondern auch seine Macht und seinen Reichtum haben. Diese tiefe Sehnsucht, er zu sein, ist Teil ihrer Frustrationsenergie.

Was würde Ihnen am Ende der Probenzeit das Gefühl geben: Das war eine erfüllende und gelungene Produktion? Das Ergebnis sollte die Zuschauerinnen und Zuschauer immer wieder berühren und alle, die an der Produktion teilnehmen, sollten dahinterstehen und das Gefühl haben, mitgestaltet zu haben. Wir sollten uns, wenn es hart auf hart kommt – und das kommt es immer –, noch als Team fühlen. Und der Abend sollte in seinem Verlauf verblüffend und unberechenbar bleiben: Wir müssen das Theater nicht neu erfinden, aber unvorhersehbar sollte die Aufführung schon sein (Interview: Dana Botta).

 

Premiere ist am 09. September. Weitere Informationen und Karten.

 

 

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