Ein Schnitt

10.01.2017

Philippe Saire | © Philippe Weissbrodt

Compagnie Philippe Saire: Cut | © Philippe Weissbrodt

Compagnie Philipe Saire: Cut | © Philippe Weissbrodt

Compagnie Philippe Saire: Cut | © Philippe Weissbrodt

Compagnie Philipe Saire: Cut | © Philippe Weissbrodt

Compagnie Philippe Saire: Cut | © Philippe Weissbrodt

Compagnie Philipe Saire: Cut | © Philippe Weissbrodt

Der Schweizer Choreograf Philippe Saire war im September 2016 Residenzgast des Hessischen Staatsballetts und arbeitete mit seiner Kompanie an der neuen Kreation CUT. Am 10. und 11. Februar 2017 wird das Stück in den Kammerspielen gezeigt. Ein Einblick in die Entstehung und die unbewussten Zusammenhänge in seiner jüngsten Produktion aus der Perspektive des Choreografen:

Noch vor den Proben zu CUT war ich zum Abendessen bei Freunden eingeladen. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt bereits ein gewisses Konzept entwickelt, entschieden, dass sowohl Publikum als auch Bühne durch eine Trennwand in zwei geteilt werden sollten und einige Ideen dazu, wie ich jede Seite der Bühnenkonstruktion mit Leben füllen würde. Auf der einen Seite wollte ich mit dem Thema einer bevorstehenden Abreise und der Ungewissheit arbeiten, auf der anderen Seite sollten die Idee des Kollektivs und die Traumvorstellung eines paradiesischen Ortes stehen.

Am späten Abend begann jeder seine Lebensgeschichte zu erzählen. Ich sprach von diesem Zeitpunkt in meiner Kindheit - ich war 5 Jahre alt - als meinen Eltern und ich in aller Eile Algerien verlassen mussten. Ich schilderte die Zeitverzögerung vor der Abreise, das Gefühl der Einsamkeit, und auch das Konstrukt einer Erinnerung an ein ideales und warmherziges Leben, das meine Eltern mir später vermittelten.

Auf meinem Heimweg bemerkte ich, dass ich über mein Stück gesprochen hatte - als hätte mich meine Geschichte unbemerkt eingeholt. CUT war plötzlich nicht mehr einfach ein Konzept, vielmehr hatte ich unbewusst meine persönliche Erfahrung integriert. Zu Hause angekommen suchte ich obsessiv nach Familienfotos und durchforschte das Netz nach Bildern zur Befreiung Algeriens. Ich wollte meine Erinnerungen greifbar machen, wissen, was mir aus dieser Zeit blieb und machte sogar Hypnose-Sitzungen.

Das Leben meiner Eltern in der Schweiz war von Heimweh geprägt. In Algerien schien ihnen ihre Existenz leicht: dort gab es Freundschaften, Solidarität, Gemeinschaft und Wärme - die des Klimas und des Lebens. Von alledem waren sie vertrieben worden, und haben sich nie davon erholt. Mit dem Tod meiner Eltern wurde ich zum Hüter dieser Erinnerung. In CUT schwingt die Frage nach dem verlorenen Paradies mit. Ich habe dafür das Bild des Kollektivs gewählt, weil es mir heute ebenso zerbrechlich erscheint. Durch eine frei erfundene Form von Folklore versuchen die Tänzerinnen und Tänzer die Gemeinschaft zu erhalten und den Raum wieder mit Zauber zu füllen. Dabei sind sie aber immer einer Bedrohung ausgesetzt: einer Abreise, einem bevorstehenden Wechsel, einer Form von Unsicherheit - der Bedrohung einer instabilen Welt, deren Gestalt sich ständig ändert.

Als junger Erwachsener erkannte ich, dass ich nicht wie meine Eltern leiden, sondern Herr meiner Welt sein wollte. Da ich die Welt, in der ich lebte, nicht ändern konnte, musste ich eine eigene konstruieren, was ich mit jedem neuen Stück tue. In CUT trenne ich sowohl Zuschauer- als auch Bühnenraum in der Mitte und setze damit einen Schnitt. Es ist ein symbolischer Bruch mit dem Exil in all seinen Formen. Ob es sich, wie in meinem Fall, um eine geografische Verschiebung handelt, oder um eine mentale Kluft zwischen dem, wie wir leben und wie wir leben könnten, oder um zwei Facetten unserer Persönlichkeit. Diese Lücke kann jeder mit seiner eigenen Bedeutung füllen.

Bei allen vermeintlichen Verbindungen zu meiner Vergangenheit möchte ich betonen, dass CUT weder autobiografisch, noch die Transkription eines historischen Moments ist. Unter Berufung auf persönliche Gegenstände und Erinnerungen an Empfindungen, habe ich im Verlauf der Proben eine Fiktion konstruiert, die nur entfernt einen Bezug zur Realität hat. Ich habe die Vergangenheit genutzt um sie in die Zukunft eines Stückes zu projizieren.

CIE PHILIPPE SAIRE: CUT Deutschlandpremiere
10. und 11. Februar, 20.00 Uhr | Kammerspiele

 

Mehr Informationen zu unserem Programm in Januar und Februar können Sie in unserer Theaterzeitung nachlesen.

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