KANARIENVÖGEL, TEDDYBÄREN UND FUTTERSCHNEIDEMASCHINEN

10.09.2015

Die Präsidentinnen | © Jan Motyka, Jonas Götz

Der 1958 in Graz geborene Autor Werner Schwab wird als Shooting-Star des deutschsprachigen Theaters der 1990er Jahre bezeichnet. Schwab wuchs in äußerst ärmlichen Verhältnissen auf. Er studiertean der Wiener Akademie der Bildenden Künste Bildhauerei. "Entgrenzung" kann als Stichwort für seine künstlerische Arbeit genannt werden, wie die Experimente mit verderblichen Materialien und eine große Faszination für die Kategorie des "Drecks" sowie eine intensive Auseinandersetzung mit musikalischen Strömungen, wie beispielsweise den Einstürzenden Neubauten. Aus der Radikalität des "Körper-Material-Konzepts" des Umfelds der Wiener Gruppe schöpfte er Inspiration für seine außergewöhnliche Bühnensprache. Obwohl die Figuren in seinen Stücken brutal und unerbittlich erscheinen, wohnte ihnen zumeist eine tiefe Seele und große Zärtlichkeit inne. Bis zu seinem frühen Tod im Jahr 1994 veröffentlichte Schwab 15 Theaterstücke. "Die Präsidentinnen" wurde 1990 im Theater im Künstlerhaus Wien uraufgeführt. Im Folgenden ein Auszug aus dem Buch "Seelebrennt" des Schwab-Kenners und -Biografen Helmut Schödel über Maria Fürst, die dem Autor als Inspiration für Mariedl diente, eine der drei Figurenaus "Die Präsidentinnen":

Im Grazer Arbeiterviertel Eggenberg, nahe der St. Vinzenzkirche, wohnt Maria Fürst, genannt Mariedl. Die Häuserzeile hat an dieser Stelle eine Lücke, die ein Gemüsegarten ausfüllt. Dahinter steht das Haus - Erdgeschoß, Dachgeschoß - und vor dem Haus eine Bank. Aberdie ländliche Idylle trügt, vier Parteien hausen hier auf engstem Raum. Mariedl Fürst, Anfang 60, lebt allein in zwei winzigen Dachkammern, Toilette auf dem Gang. Sie hat sich hier vor Jahren für unverschämt viel Geld ein Wohnrecht auf Lebenszeit erworben. An der Wand der Küchenkammer hängt ein Diplom, das Mariedl Fürst als "Jerusalem-Wallfahrerin" bestätigt, Unterschrift: Teddy Kollek. Zwei orangefarbene Kanarienvögel fliegen herum,und im Nebenzimmer sitzen Unmengen von Plüschtieren. Die zweite Kammer gehört den Teddybären, ein Reich zwischen Kindheit und Erwachsenenwelt. Mariedl Fürst hat Werner Schwab schon als Kindgekannt [...] und später dann von seinem plötzlichen Ruhm in der Zeitung gelesen. Dass eine Frau namens Mariedl in Schwabs Stücken auftritt, in "Antiklimax"und den "Präsidentinnen", weiß sie bis heute nicht. Sie ist ein Mensch ohne Klagen, obwohl sie ein unerträgliches Leben hatte und jetzt an Krebs erkrankt ist. Ihr Vater hat sich schon 1953 nach einem kurzen, unerträglichen Leben aufgehängt. Der Vater war Schuster, die Mutter Hausfrau."Arm, arm, arm", sagt Mariedl Fürst. Sie sei schon als Säugling in ein Heim gekommen, später in das Mädchen-Erziehungsheim des Grazer Hirtenklosters und zu Zieheltern auf einen Bauernhof, als Magd. Nach dem Krieg, da war sie 11 Jahre alt, wurde sie von einem russischen Soldaten vergewaltigt und in die Futterschneidemaschine geworfen. Per Zufall habe eine Frau sie gerettet. Schule? "Bin auch leider net viel Schul gangen", sagt sie. [...]Später war sie in einer Villa in Waltersdorf Haushälterin. "Die achtzehn Jahr, kann ma sagn, warn fast wie Ehejahre. Wenn ma so lang im Haus ist: Man erlebt alles, Geburt, Tod, wie halt Ehejahre so sind.[...] Ich bin so a Mensch, wenn ich wo bin, dann bin ich dorten, wies dann auch immer is. Und ich hab immer gsagt: Alles könnts ma wegnehmen, und wenn mir gar nix ghört, aber den Herrgott könnts mir net wegnehmen, und des war immer indwie mein Halt, wenn mir gar nix mehr ghört, des könnts mir net wegnehmen und wenn ich noch so arm bin." Dann starb der Villenbesitzer und bald darauf seine Frau, und sie hinterließen eine gestörte höhere Tochter. "Die Frau is zum Sterbn gwesn und sagt zu mir: "Du schaust aber auf die Regine!" Und so hab ich bis jetzt mein Versprechen, so gut es geht, eingehalten. Die Regine is a bissel a schwieriger Mensch, und das sich sie halt net allein laß, hat die Frau gsagt. Die Regine lebt halt allein im Sonderkrankenhaus fürAlkoholiker und Geistesgestörte."Das ist in groben Zügen Mariedls Leben, the true story, und sie selber sagt: "Ich muss sagn, ich bin mit meinem Leben soweit zufrieden. So isses, so isses eben, und das viele Grübeln bringt nichts." Sie sagt:"Ich hab das nie können, den anderen zurückzahln, was mir angetan worden ist. Und ich hab mir immer gsagt: Ich geb halt einfach weiter, was ich nicht ghabt hab, an Liebe. Was kann wer anderer für mei schlechte Kindheit." An der Wand der Küchenkammer hängt neben Mariedls Wallfahrer-Diplom ein Gruß ihrer Patenkinder: "Ehrenurkunde füreinen netten Menschen", überreicht nach der erstenChemotherapie. Sie sagt, sie sei jetzt immerhin nicht allein: "Grad jetzt, bei meiner Krankheit, dass man das Gefühl hat, den Weg muss ich gehen, aber wenigstens nicht allein, es ist irgendwer hinter einem und dadurch schafft mans." [...] Mariedl in ihrer Dachkammer: träumt vom lieben Gott und ihren Reisen nach Jerusalem und Lourdes, und lebt so hin, klanglos und wunderbar.

Premiere am 16. Oktober 2015 | 19.30 Uhr | Kleines Haus

Alle Termine und Karten finden Sie hier.

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