"Trau, schau, keinem." (Dealer)

31.05.2017

ÄNNIE © Kai Wido Meyer

Anabel Möbius

Oliver Brunner: Maria, Du hast Dich in der Auswahl des Stücks für Thomas Melles "Ännie" stark gemacht und wir sind Dir dabei gerne gefolgt, weil wir auch fasziniert waren von diesem vielschichtigen Text. Was hat Dich am meisten interessiert als Du "Ännie" zum ersten Mal gelesen hast?

Maria Viktoria Linke: Melles Zeitdiagnose: das Unbehagen als Grundsound unserer Gegenwart, und die gewisse Ratlosigkeit, mit der wir auf diese, unsere Zeit schauen. Der Autor formiert seine Figuren um die abwesende Hauptfigur Ännie, deren Entzug aus der Gemeinschaft diese prägt und besetzt hält. Das verschwundene Mädchen eignet sich hervorragend als Projektionsfläche - Sehnsüchte, Defizite, Traumata und Ängste einer Gesellschaft werden sichtbar und brechen sich Bahn in Spekulationen, Verschwörungstheorien, apokalyptischen Chats und anderem Gerede.

Der Autor Thomas Melle ist seit dem Erscheinen von "Die Welt im Rücken" im Jahr 2016 einer breiten Öffentlichkeit bekannt geworden. Er berichtet in "Die Welt im Rücken" von seiner persönlichen Geschichte mit der sogenannten bipolaren Störung. Prominent von seinen Abstürzen in der Manie. Inwieweit hängt dieses Thema auch mit "Ännie" zusammen?

Das kann der Autor eigentlich nur selbst erhellend beantworten. Es ist gut möglich, dass einige Bilder, Dialogfetzen und Sprachfiguren aus dieser Erfahrung gespeist sind, wenn auch weniger direkt und ausführlich wie in anderen Werken von Thomas Melle. Eine Parallelität könnte auch im Gefühl des Gefangenseins liegen, das ursächlich aber aus ganz verschiedenen Richtungen kommt. Die Figuren im Stück sind unfrei, sie "kleben an ihren Hockern" und in ihren Bezugsrahmen fest, sie sind gefangen im Verlust, in ihren Illusionen und ihrer Schuld.

Die Figuren in "Ännie" müssen mit dem rätselhaften Verschwinden der Figur Ännie umgehen. Jede hat ihre eigene Geschichte mit Ännie und kommt damit mehr oder weniger zurande. Alle wirken davon beschädigt und eigentlich unfähig weiterzugehen. Dieses Problem wird exemplarisch deutlich in einer Replik der Figur Hauke, die im Stück sagt "Einfach verschwinden, restlos. Ich stell's mir wunderbar vor." Was bedeutet das Verschwinden für Dich in Deiner Inszenierung?

Das Verschwinden im Sinne von sich zurückziehen, der Gesellschaft entziehen, ist Faszinosum und Provokation zugleich. Ännies Verschwinden, ihre Abwesenheit, macht sie allgegenwärtig und alle anderen zu Zurückgelassenen, die auf sich selbst zurückgeworfen sind. Eine Nichtzugehörigkeitserklärung bringt jede Gemeinschaft in Erklärungsnot. In meiner Inszenierung gibt es für diese Gemeinschaft kein Entkommen. Die Figuren müssen sich aushalten, immer unter öffentlicher Beobachtung - gemeinsam einsam. In einem überholten Raum, überrollt von der Zeit hängen sie fest und harren der Dinge. (Un-)ruhe vor dem Sturm.

Thomas Melle bezeichnet sein Stück im Nachwort als einen Bastard - als ein Stück, das zahlreiche Einflüsse verarbeitet, remixt und zitiert. Welche Bedeutung hat diese hybride, offene Struktur des Textes für das, was wir auf der Bühne sehen werden?

Die Diversität des Materials wird sich auch im Bühnengeschehen widerspiegeln, das bewusst mit Brüchen, Ebenen, Schnitten und Zitaten spielt. Für mich hat das auch viel mit dem Verschwinden zu tun, dem Verschwinden von Identität und individueller Sprache z.B. die Figuren sind sprachlich nicht kongruent, sie wechseln zwischen Dialog, Textflächen, geborgter Rhetorik, O-Tönen, Sprachhülsen und fremden Meinungen. Ein eigener, spezifischer Standpunkt ist schwer auszumachen. Auch das Nebeneinander von Banalität und Ausnahmezustand finde ich sehr inspirierend. Auf dem Weg zur Bühne transformiert der Mellesche "Bastard" zum neuen Remix.

Wenn man das Stück liest wird deutlich, dass die eine wahre Geschichte über Ännie aus den Äußerungen der Figuren nur schwerlich oder gar nicht zu rekonstruieren sein wird. Für einen ordentlichen Krimi fehlt die befriedigende Auflösung. Was bedeutet das für Deine Arbeit?

Stimmt, das Schicksal des Mädchens ist ganz offensichtlich nicht das eigentliche Thema des Stückes, sondern das, was eine solche Leerstelle hervorbringt. Darin lag auch unser Hauptinteresse: zu untersuchen, was dieses Vakuum provoziert, was es macht mit den Figuren. Es geht mehr um Stimmungen, Zustände, Phantasien und Projektionen, als um eine stringente Geschichte. Und natürlich haben auch wir uns dabei in Spekulationen geübt.

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