Wenn Angst die Wirklichkeit zum Albtraum werden lässt

14.04.2015

Eva Maria Höckmeyer

Ein Gespräch mit Regisseurin Eva-Maria Höckmayr über Carl Maria von Webers DER FREISCHÜTZ.

Mark Schachtsiek:
Carl Maria von Webers "Der Freischütz", die Geschichte des Jägerburschen Max, der sich seine Braut Agathe durch einen Probeschuss "erschießen" muss, sich zu einem trügerischen Bund mit dem Bösen verführen lässt und nachts in der unheimlichen Wolfsschlucht magische Kugeln gießt, von denen der Teufel die letzte auf Agathe lenken kann, gilt als Inbegriff deutscher Romantik. Hat Dich das beim Nachdenken über das Stück inspiriert oder eher abgestoßen?

Eva-Maria Höckmayr:
Natürlich fasziniert michbei einem Stück wie "Freischütz" die Erwartungshaltung. Es ist ein Stück, das ich selbst in derSchule kennengelernt habe, und die Frage, wie man das Unheimliche in der Geschichte, dass die Zeitgenossen so fasziniert hat, uns aber durch die uns so vertrauten eingängigen Melodien schnell entgleiten kann, neu schöpft, hat mich aufgrund meiner eigenen Vorerfahrung mit dem Stück von Anfang an beschäftigt: Was ist das Unheimliche am"Freischütz"? Was geschieht wirklich und was ist vielleicht nur Ausdruck der inneren Unruhe, der existentiellen Ängste dieser beiden höchst sensiblenProtagonisten Agathe und Max? Mich interessiert - auch erzählerisch - wie man die Angst erzeugen kann, die die beiden - wie z.B. ihre Reaktionen auf die bloße Erwähnung des Wortes "Wolfsschlucht"oder Agathes Traum, als weiße Taube von Max erschossen zu werden, zeigen - offenbar kontinuierlich umtreibt und verbindet. Man muss durch die Schutzfolie dringen, mit der sie üblicherweise umgeben sind, um diese Angst freizulegen.

Vergleicht man den "Freischütz" mit älteren Stücken, gewinnt man den Eindruck, dass es den deutschen Romantikern genau darum ging: sich so weit als möglich mit den eigenen Ängsten zu konfrontieren. Trotzdem baut der Librettist mit dem Eremiten, der das Paar schützt und am Ende mit magischen Mitteln - geweihten weißen Rosen - das Happy End ermöglicht, einen Rahmen, der diese Ängste erträglich machen soll.

Wir sind natürlich heute an einem anderen Punkt inder Wahrnehmung von Suspense und Grauen. Aber es ist auffällig, dass schon Weber die vom Librettisten geplante Eröffnungsszene, in der Agathe den Eremiten aufsucht, beim Komponieren gestrichen hat. Eine zu klare Einteilung der Welt in Gut und Böse ist das Gegenteil von unheimlich. Deshalb greife ich an vielen Stellen auch auf die literarische Vorlage, Johann August Apels "Gespensterbuch" von 1810, zurück, in dem es keinen Eremiten gibt und unklar bleibt, ob der "Stelzfuß" - aus dem im Libretto teils Kaspar, teils Samiel geworden ist - wirklich existiert oder er nur eine Wahnvorstellung ist.

Und welche Rolle spielt Agathe in dieser Geschichte von Angst, dieses - um bei den Erwartungshaltungen zu bleiben - Idealbild einer deutschen Frau, die sittsam mit dem Gebetbuch in der Hand an einem gotischen Fenster sitzt und in den Wald und die Nacht schaut?

Vielleicht geht es ja gar nicht um ein Bild. Vielleicht kommt all das einfach aus der Lebenssituation einer Frau, die auf ihren Bräutigam wartet. Es isteine konkrete Notlage: Sie kann nichts tun, außer warten und sie ist unruhig. Weil Max sich seltsam verhält, weil er ihr entgleitet. Sie könnte natürlich selbst in den Wald gehen, doch das würde die Situation zwischen den beiden nicht verbessern. Sie hat keine Handlungsoptionen, sie muss diese Nacht einfach absitzen und bis zum Morgen durchhalten. Die Szenen zwischen Agathe und Ännchen machen es deutlich, aber eigentlich gilt das fürs ganze Stück: Wer eingeschlossen ist und wenig Handlungsoptionen hat, ist umso anfälligerdafür zu fantasieren. Für mich bilden das Terzett zwischen Max, Agathe und Ännchen und der Dialog davor den Kern des Stücks: Durch Max'Verhalten irritiert, antizipiert Agathe dort schon, was Max in der Wolfsschlucht erleben wird. Und zugleich ist diese Szene das alltägliche Gespräch eines Paares, in dessen Beziehung etwas zunächst Undefinierbares nicht stimmt. Der ganze Abend entsteht aus dieser Stimmung.

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