Frederike Prick-Hoffmann: Mit dem Genre Musical bist du bereits bestens vertraut – zuletzt hast du „Evita“ am Staatstheater Augsburg und „Flashdance“ am Theater Hagen inszeniert. Was magst du an Musicals?
Florian Mahlberg: Ich finde die Emotionalität von Musicals total spannend – und vor allem, wie sie ausgedrückt wird. Dabei verbindet das Musical alle drei Kunstformen: Sprechtheater, Gesang und Tanz. Wenn Figuren an einen starken Moment kommen, wo Sprache allein Sprache nicht mehr ausreicht, fangen sie an zu singen. Oder sogar zu tanzen. Diese vielseitige Ausdrucksweise reizt mich enorm und macht unglaublich Spaß, gemeinsam zu erarbeiten!
FPH: Am Staatstheater Darmstadt hast du in der vergangenen Spielzeit die Jugendoper „Iphis“ inszeniert. Wie unterscheidet sich die Inszenierungsarbeit in den Genres Oper und Musical?
FM: Ich weiß gar nicht, ob meine Arbeit sich da groß unterscheidet. Oper hat den Ruf, seriöser und „schwerer“ zu sein als Musical. Aber das sehe ich anders. Ich nehme jedes Stück und die Themen, die darin vorkommen, ernst. Und jeden Menschen, mit dem ich arbeite. Der Prozess, gemeinsam einen Stoff zum Leben zu erwecken, ist jedes Mal ein anderer, ganz unabhängig vom Genre.
FPH: Und was sind die Themen von „A Chorus Line“?
FM: Es geht um den ganz großen Traum, um Rivalität, Ehrgeiz, Enttäuschung, Unsicherheit, Glücksmomente, Show, große Emotionen, Gemeinschaft und Verbundenheit, und vor allem ums Tanzen!
FPH: Das Stück beschreibt eine klassische Casting-Situation: Regisseur, männlich, weiß, heterosexuell, macht ein Vortanzen und entscheidet über das Schicksal vieler hoffnungsvoller Tänzer*innen. Um seine perfekte Besetzung zu finden, stellt er ziemlich persönliche Fragen. Aus heutiger Sicht liest sich das teilweise ziemlich übergriffig und grenzüberschreitend. Gibt es das heute überhaupt noch so?
FM: Ich würde gerne sagen, dass die Situationen in „Chorus Line“ absolut der Vergangenheit angehören. Aber wir sind immer noch nicht da angekommen, wo wir hinmüssen. Ich glaube, dass wir heutzutage sensibilisierter sind, was dieses Thema betrifft und schneller reagieren und einwirken, wenn wir solche Situationen mitbekommen. Das ist ein wichtiger Schritt, den wir immer wieder aktiv gehen müssen. Denn leider passieren solche Grenzüberschreitungen und Übergriffe immer wieder – und das nicht nur in Castings, sondern auch auf Proben oder bei Vorstellungen hinter der Bühne. Deswegen finde ich es so wichtig, dieses Stück zu zeigen und es im Heute zu verorten. Wir wollen zeigen, welche harten Realitäten, wie viel Verletzlichkeit hinter der Show und dem Glitzer stecken.
FPH: Welche Elemente des 1980er-Kultmusicals willst du auf jeden Fall bewahren?
FM: Es gibt bei vielen Musicals „Glanzmomente“, auf die das Publikum wartet. Bei „Flashdance“ ist es das Wasser von oben; bei „Evita“ ist es die Balkonszene von Eva Peron im großartigen Dior-Kleid. Bei „Chorus Line“ ist es sicherlich die finale Szene, in der alle gemeinsam tanzen. Was wir in der Produktion bewahren wollen, sind viele berühmte Tanzelemente. Unsere Choreografin Nicole Eckenigk orientiert sich an den bestehenden Choreos und verwandelt sie in etwas Neues.
FPH: Das Stück spielt ja eigentlich zwischen Bühne und Saal – werden wir die Darstellenden also hautnah erleben?
FM: Ich liebe Aktionen im Saal! Diese Grenze zwischen Bühne und Publikum aufzubrechen finde ich immer total spannend und macht die Figuren viel nahbarer. Um auf deine Frage zu antworten: Ja, unbedingt!
FPH: Für wen ist das Stück eine tolle Empfehlung?
FM: Für alle, die gerne hinter die Kulissen schauen! Für alle, die sich für Tanz und Gesang verzaubern und berühren und begeistern! Und für alle, die sich bis zuletzt fragen wollen, wie so schnelle Kostümwechsel möglich sind. Also eigentlich für alle!!!
A Chorus Line
Musical von Marvin Hamlisch, Edward Kleban, James Kirwood Jr. und Nicholas Dante /
empfohlen ab 12 Jahren
MUSIKALISCHE LEITUNG Nicolas Kierdorf
REGIE Florian Mahlberg
CHOREOGRAFIE Nicole Eckenigk
Premiere am 31. Oktober, 19:30 Uhr | Großes Haus
Weitere Termine: 20. November, 17. Dezember, 15. und 23. Januar, 06. Februar sowie 13. Mai