Träume gelten oft als Rückzugsorte. Als Räume der Sehnsucht, der Fantasie, der Freiheit. Doch was geschieht, wenn sich in ihnen die Wirklichkeit spiegelt? Wenn hinter den Bildern nicht Trost, sondern die großen Fragen unserer Zeit sichtbar werden?
Genau dort setzt „Nachtträume“ von Marcos Morau an. Der spanische Ausnahmechoreograf entwirft eine faszinierende und zugleich verstörende Traumlandschaft . In einem Labyrinth aus Tischen, Stühlen, roten Sonnenbällen und ineinander verschlungenen Körpern begegnen sich Macht und Ohnmacht, Verführung und Zerstörung, Hoffnung und Angst. Die Grenzen zwischen Traum und Realität verschwimmen – und plötzlich erkennen wir uns selbst.
Ausgehend von Kurt Jooss’ berühmtem Antikriegsstück „Der grüne Tisch“ von 1932 verbindet Morau historische Erinnerungen mit Motiven aus Meisterwerken des Tanzes. Dabei entsteht kein nostalgischer Rückblick, sondern ein Blick auf die Gegenwart. Eitelkeit, Missgunst, Profitgier und blinde Gefolgschaft erscheinen als Kräfte, die Gesellschaften bis heute prägen. Die Bühne wird zum Spiegel einer Welt, die zwischen Solidarität und Sozialdarwinismus, zwischen Menschlichkeit und Machtstreben schwankt. Hier berührt „Nachtträume“ unmittelbar das Spielzeitmotto „Wenn ja, was dann?“. Denn jede Gesellschaft trifft Entscheidungen. Wir sagen Ja zu Ideen, zu Werten,
zu Entwicklungen. Doch welche Folgen ergeben sich daraus? Was passiert, wenn Macht wichtiger wird als Verantwortung? Wenn Anpassung über Haltung siegt? Wenn wir den Verlockungen des Erfolgs folgen, ohne nach den Konsequenzen zu fragen?
Morau liefert keine Antworten. Seine Bilder wirken nach, weil sie Fragen offenhalten. „Nachtträume“ fordert das Publikum auf, genauer hinzuschauen – auf die Welt, auf die Gesellschaft und auf sich selbst. Denn manchmal zeigen uns gerade die Träume am deutlichsten, wohin wir unterwegs sind. Und dann stellt sich unweigerlich die Frage: Wenn ja, was dann?
Vom Ich zum Wir
Ein Ausblick auf die Gastspiele des Hessischen Staatsballetts
In dieser Spielzeit widmen sich die Produktionen von „Zu Gast beim Hessischen Staatsballett“ der Frage: Wer bin ich? Die Gastspiele unter der neuen Creative Producerin Beata Stankevič schlagen dabei die Brücke vom Ich zum Wir und greifen das Spielzeitmotto auf: „Wenn wir gemeinsam tanzen, was dann?“ Im Fokus steht, was geschieht, wenn Menschen Teil einer Gemeinschaft werden: Wie entstehen kollektive Räume, welche Rolle spielen Subkulturen und stärkt gemeinsames Tanzen den Zusammenhalt?
Geplant sind so unterschiedliche Produktionen wie „Magec/the Desert“ von Radouan Mriziga und „Schön Anders“ von Ceren Oran. Während der marokkanische Choreograf Mriziga kulturelle Identität, Wurzeln und Herkunft poetisch untersucht, macht die türkische Choreografin Oran diese Themen für ein junges Publikum erfahrbar.
Zum Spielzeitende bündelt der „Fokus Dance and Community“ Gastspiele, Workshops und partizipative Formate, die den Dialog mit urbanen Tanz-Communities fördern und die verbindende Kraft gemeinsamer Bewegung erlebbar machen.