Die Oper kehrt ins Kleine Haus zurück – mit Claudio Monteverdis für den venezianischen Karneval 1642 /
43 komponierter „L’incoronazione di Poppea“. Im Mittelpunkt der wohl berühmtesten Oper des 17. Jahrhunderts steht ein Intrigengeflecht am Hofe Neros: Unterstützt von Amor gelingt es der schönen Poppea Sabina, den Kaiser derart zu umgarnen, dass er nicht nur die eigene rechtmäßige Gattin Octavia verstößt und seinen – dieser Maßnahme kritisch gegenüberstehenden – Prinzenerzieher Seneca zum Selbstmord zwingt, sondern die nicht standesgemäße Geliebte zuletzt sogar zur Kaiserin krönen lässt.
Librettist Gian Francesco Busenello entwirft für die letzte Oper des Miterfinders dieser Kunstform eine heillose Welt, in der Tugend keinen Platz mehr hat: eine karnevalistische Inversion höfischer Liebesethik. An die Stelle des ritterlichen Helden, der aus der Ferne ein Idealbild von Weiblichkeit verehrt, in dem äußere Schönheit Sinnbild der inneren ist, tritt Poppea als Frau aus Fleisch und Blut. Sie nutzt Stimme, Ausstrahlung und Begehren, um den Männern das Zepter aus der Hand zu nehmen. Diese verlieren dabei zunehmend ihre Souveränität und geraten in Abhängigkeit
Den Kontrapunkt dazu bildet die keusche und reine Octavia, der nicht-singende, d.h. sich nur rezitativisch äußernde Gegenentwurf von Weiblichkeit, der langsam verstummt. Doch so einfach ist die Sache nicht.
Denn Busenellos geniales Libretto kennzeichnet moralische Ambivalenz und hinterfragt provozierend die Vorstellung, man könne die Welt in „gute“ und „böse“ Figuren einteilen: Alle, die an Poppeas Aufstieg mitwirken oder ihn zu verhindern suchen, sehen sich gezwungen, amoralische Mittel anzuwenden. Das gilt auch für Kaiserin Octavia, die in Darmstadt wie in der Uraufführung von der gleichen Sängerin gespielt wird, wie die lebensfroh Koloraturen trällernde Hofdame Drusilla. Der bereits hochbetagte und auf der Höhe
seines Ruhms stehende Monteverdi entwickelte diese zwielichtigen Figuren zu plastischen und vielschichti-
gen Charakteren und schenkte ihnen seine vielleicht schönste, bis heute fesselnde Musik.
Geschichte und Abend kulminieren im berühmten Schlussduett „Pur ti miro“, in der Nero und Poppea in betörenden Sekundreibungen ihre Lust auf einander und den Triumpf über den Rest der Welt feiern. Allerdings ist zweifelhaft, ob dessen Musik von Monteverdi stammt. Die Überlieferungsgeschichte der Musik zu „Poppea“ ist komplex und keines der beiden erhaltenen Manuskripte entstand für die venezianische Uraufführung. Deshalb ist es unerlässlich, eine eigene Fassung zu erstellen. Darmstadt hat dafür den den Experten für Alte Musik Clemens Flick gewonnen, der die Aufführungen auch vom Cembalo leiten wird. Bühnenbild und Regie stammen von Intendant Karsten Wiegand.
Die Krönung der Poppea
Oper in drei Akten von Claudio Monteverdi / Libretto von Giovanni Francesco Busenello / in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln / empfohlen ab 16 Jahren
MUSIKALISCHE LEITUNG Clemens Flick
REGIE & BÜHNE Karsten Wiegand
KOSTÜM Alfred Mayerhofer
DRAMATURGIE Mark Schachtsiek
Premiere am 18. April 2026, 19:30 Uhr | Kleines Haus
Weitere Termine: 30. April, 08. & 23. Mai