Ein Gespräch mit Sängerin Megan Marie Hart und Operndirektorin Nicola Raab über Andrea Chénier und die Kunst des Genießens
Vier Stück Kuchen stehen auf dem Tisch. Das ist kein Zufall, sondern Teil des Konzepts. Megan Marie Hart kommt direkt aus einer Pagliacci-Korrepetition, als sie sich mit Nicola Raab zusammensetzt. Anlass ist die bevorstehende Produktion von Umberto Giordanos Andrea Chénier, in der Hart die Maddalena di Coigny singt. Doch bevor es um Revolution, Guillotine und große Oper geht, stellt sich eine andere Frage: Was ist eigentlich ein Guilty Pleasure?
„Andrea Chénier ist mein Guilty-Pleasure-Stück“, sagt Nicola Raab ohne zu zögern. „Diese Oper ist emotional exzessiv, politisch an manchen Stellen erstaunlich naiv, völlig ungeniert melodramatisch – und gleichzeitig unmöglich, nicht zu lieben.“ Megan Hart lacht. Ihre erste Assoziation zur Oper ist deutlich direkter: „Ich denke vor allem an Menschen, denen die Köpfe abgeschlagen werden.“
Damit sind die Koordinaten des Gesprächs gesetzt: Kuchen, Revolution, Privilegien, Leidenschaft, Verführung und große Gefühle. Denn eigentlich passt Kuchen erstaunlich gut zu Andrea Chénier. Beides kennt keine Zurückhaltung. Beides lebt vom Übermaß. „Diese Oper ist exzessiv“, sagt Raab. „Und Kuchen kann ebenfalls exzessiv sein. Also haben wir vier verschiedene Sorten vor uns stehen.“
Hart ist dabei keineswegs nur Konsumentin. Sie ist leidenschaftliche Bäckerin. Eine Zeit lang betrieb sie sogar einen eigenen Food-Blog mit dem Titel Food for the Devil. „Mein Markenzeichen war Devil’s Food Cake“, erzählt sie. „Dunkler Schokoladenkuchen mit Schokoladenglasur. Schokolade auf Schokolade auf Schokolade. Absolut dekadent.“ Von dort führt das Gespräch überraschend zur Geschichte des Red Velvet Cake, der ursprünglich gar nicht knallrot, sondern eher mahagonifarben war. Schnell entsteht die Verbindung zur Oper: Samtvorhänge, historische Kostüme, Blut, Pracht und Theaterzauber. Und natürlich zu Maddalena.
„Ich liebe diese Kostüme“, sagt Hart über die Ausstattung der Produktion. „Historische Kleider stehen eigentlich jeder Frau. Die Korsetts machen eine schöne Taille – man kann also durchaus Kuchen essen.“ Maddalena selbst beginnt die Oper als privilegierte junge Frau, abgeschirmt von den politischen Verwerfungen ihrer Zeit. Nicola Raab beschreibt sie augenzwinkernd als „wohlbehütetes Kuchenkind“. Dann begegnet sie Chénier. Bei einem Fest wird der Dichter aufgefordert, spontan ein Gedicht vorzutragen. Zunächst weigert er sich.
Als Chénier schließlich spricht, verändert sich etwas. Aus der erwarteten Unterhaltung wird eine scharfeKritik an den gesellschaftlichen Verhältnisse. Für Maddalena ist dies ein Schlüsselmoment. „Er öffnet ihr die Augen“, sagt Hart. „Zum ersten Mal erkennt sie eine Welt außerhalb ihrer eigenen Blase.“ Liebe entsteht hier nicht nur aus Anziehung, sondern auch aus Erkenntnis. „Er weckt in ihr Verantwortung, Schuldgefühl, Mitgefühl – und natürlich Liebe.“ Gerade darin liegt für Hart die Stärke der Figur. Maddalena verliert im Verlauf der Oper ihren gesellschaftlichen Status, ihre Familie, ihre Sicherheit. Am Ende bleibt ihr kaum noch etwas.
„Sie verliert eigentlich alles“, sagt Hart. „Und trotzdem entscheidet sie sich frei.“ Diese Entscheidung führt zum berühmten Schluss der Oper. Maddalena tauscht ihren Platz mit einer anderen Frau und geht freiwillig mit Chénier zur Guillotine. Es ist eine der großen Opernfantasien: Zwei Menschen finden zueinander – genau in dem Moment, in dem ihnen keine gemeinsame Zukunft mehr bleibt. „Sie bekommen keine Beziehung“, sagt Raab. „Sie bekommen nur die Möglichkeit einer Beziehung.“
Vielleicht liegt genau darin die besondere Faszination dieser Oper. Historisch betrachtet erzählt Andrea Chénier von Revolution, Terror und politischem Umbruch. Emotional erzählt sie von Menschen, die zu spät erkennen, was wirklich zählt.
Hart beschreibt die Oper als „episch“. Raab ergänzt: „Sie wirkt wie eines dieser riesigen Historiengemälde im Louvre. Alles ist größer als das Leben. Liebe, Politik, Gewalt, Leidenschaft.“
Und doch bleibt am Ende etwas zutiefst Persönliches. Auf die Frage, was ihr selbst niemand nehmen könnte, selbst wenn sich die Welt radikal verändern würde, antwortet Hart nach kurzem Nachdenken: „Mein inneres Leben. Meine Sicht auf die Dinge. Mein Glaube daran, dass Güte und Freundlichkeit existieren und Bedeutung haben.“
Für einen Moment wird es still am Tisch. Dann folgt der nächste Bissen Passionsfrucht-Cheesecake. Der erweist sich schließlich als Favorit des Nachmittags. Wie die Oper selbst ist er süß, intensiv, ein wenig übertrieben und vollkommen unwiderstehlich.
English version
Guilty Pleasures: Opera, Cake and Andrea Chénier
What does Andrea Chénier taste like? For Nicola Raab, the answer is obvious: cake. Several pieces of it. Cheesecake, Oreo cake, brownie cake, passion fruit, blueberry — arranged on the table like a small edible revolution.
“I think of Andrea Chénier as my guilty pleasure opera,” Nicola says. “It is emotionally excessive, politically naïve in places, unapologetically melodramatic, full of glorious tunes — and impossible not to love.”
Megan Marie Hart, who sings Maddalena di Coigny, laughs. Her first association is rather less sweet: “People getting their heads cut off.” But then the two ideas begin to meet. Cake, revolution, privilege, passion, blood-red velvet, excess: suddenly the distance between dessert and verismo opera seems very small.
Megan knows her cakes. “I love baking,” she says. “I even had a food blog for a while called Food for the Devil — a play on Devil’s Food Cake. That was my signature cake: dark chocolate, chocolate frosting, super decadent.” She explains the history of red velvet cake, originally a darker, mahogany-coloured chocolate cake, long before commercial food colouring turned it into its bright-red American version. Red velvet inevitably leads back to opera: red curtains, costumes, blood, theatricality — and perhaps the perfect cake for an Andrea Chénier premiere.
The Darmstadt production, taken over from Deutsche Oper Berlin, comes with historical costumes that Megan adores. “They are gorgeous,” she says. “And they are universally flattering. The corset nips you in — which means you can eat the cake.” Some costumes carry impressive histories of their own: name tags reveal former wearers such as Anja Harteros and Sondra Radvanovsky. “Sondra even wrote to me on Instagram,” Megan says, warning her about the stage floor in Act Two. “I was very honoured.”
For Megan, Maddalena is not simply a noble girl swept away by romance. At the beginning, she is sheltered, privileged, “cake-fed”, almost Marie-Antoinette-like. But Chénier’s first improvisation changes her. “He opens her eyes,” Megan says. “He wakes her up to a world she didn’t know existed. He awakens love and desire, but also guilt, responsibility, a sense of mission.”
That, perhaps, is where the guilty pleasure deepens. Andrea Chénier gives us history as a vast emotional painting: revolution, terror, aristocracy, poetry, love, death. The political world is brutal and unstable; the personal world becomes unbearably intense. Chénier and Maddalena meet too late. Their love has almost no time to become life. “They don’t get a relationship,” Nicola says. “They only get the idea of something that could have been.”
Megan agrees: “At that point she has lost everything. Her station, her mother, her world. She has nothing left to hold on to.”
And yet the opera allows them one final, devastating luxury: to turn death into a love duet. “To revel in glory and devastation at the same time,” Nicola says, “is also a guilty pleasure only opera can give us.”
Between bites of passion fruit cheesecake and Oreo cake, one thing becomes clear: Andrea Chénier may be excessive, implausible, sentimental, even politically simplified. But like the best cake, it knows exactly what it is. It is rich, dangerous, irresistible — and not something one should apologize for loving.