Tanzfestival Rhein-Main vom 30. Oktober bis 15. November

Für die diesjährige Spotlight-Künstlerin Lia Rodrigues ist Tanz weit mehr als eine Bühnenkunst: Er ist ein Werkzeug, um gesellschaftliche Wirklichkeiten zu befragen, Teilhabe zu ermöglichen und neue Formen des Zusammenlebens zu erproben. In ihrer in Rio de Janeiro beheimaten Escola Livre de Dança da Maré bietet die brasilianische Choreografin Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen kostenlose Tanzangebote und verbindet künstlerische Ausbildung mit sozialer Bildung und beruflichen Perspektiven. So wird Tanz zu einer Praxis der Demokratisierung und des Zugangs zu Kunst.

Gleichzeitig richtet Rodrigues den Blick auf den Umgang des Menschen mit seiner Umwelt. Ihre Arbeiten verknüpfen Fragen von Gemeinschaft, Ungleichheit und Ressourcen mit der Beziehung zwischen Mensch und Natur. Besonders eindrücklich zeigt sich dies in „Encantado“, der Produktion, die beim Tanzfestival Rhein-Main im Großen Haus des Staatstheaters Darmstadt zu erleben ist.

Ausgangspunkt des 2021 entstandenen Stücks ist der Begriff „encantado“: In der afrobrasilianischen Kosmologie bezeichnet er geheimnisvolle Wesen, die zwischen Erde, Wasser und Himmel wandern und Landschaften in heilige Orte verwandeln. Elf Tänzer*innen lassen aus farbenprächtigen Stoffen, Körpern und Bewegungen immer neue Landschaften entstehen. Begleitet werden sie von Liedern des indigenen Guarani-Volkes, die während Protesten für den Schutz angestammter Gebiete aufgenommen wurden. Damit verbindet „Encantado“ ökologische Fragen unmittelbar mit dem Kampf bedrohter Gemeinschaften um ihre Lebensräume.

Auch die Entstehung des Stücks war von dieser Verbindung von Kunst, sozialer Verantwortung und Ökologie geprägt: Während der Proben in der Pandemie diente das Centro de Artes da Maré in Rio de Janeiro zugleich als Verteilstelle für Lebensmittel und Hilfsgüter; parallel wurden dort das Dach erneuert und Solaranlagen installiert. „Encantado“ macht diese Erfahrungen körperlich erfahrbar – und feiert die Fantasie als Kraft, die eigene Beziehung zur Natur und zueinander neu zu denken.

Der soziale Ansatz von Lia Rodrigues drückt sich beim diesjährigen Tanzfestival Rhein-Main auch mit ihrem Format der „Associates“ aus. Die Choreografin lädt dabei die in Europa lebenden brasilianischen Künstler*innen Calixto Neto, Voa & Volmir Cordeiro / Donna Volcan ein, sich im Rahmen des Projekts „Outrar“ (zu deutsch jemand anders werden) in jeweils eigenen Versionen mit Identität, Fremdheit und Verwandlung zu beschäftigen. Diese unterschiedlichen Positionen zeigen, wie vielfältig die zeitgenössische Tanzszene Brasiliens ist – und wie stark sie von Austausch, Gemeinschaft und gesellschaftlicher Auseinandersetzung geprägt wird.

Outrar
Gastspiel am Donnerstag, 12. November, 21:00 Uh I Kammerspiele

Encantado
Gastspiel am Freitag, 13. November, 19:30 Uhr I Großes Haus
18:30 - 19:15 Uhr Publikumsgespräch mit Lia Rodrigues I Foyer Großes Haus


Tanztee Brasil 

Im Zuge des brasilianischen Fokus auf die Spotlight-Künstlerin Lia Rodrigues und den „Associates“ gibt es am 14. November auch spannende Möglichkeiten zum Mitmachen. Allen voran beim Tanztee Brasil. Dort gibt es die Gelegenheit, die brasilianischen Tanzstile Samba de Gafieira und Forró selbst auszuprobieren. Zwischendurch gibt es Raum für Begegnung und Austausch bei kleinen Leckereien, Kaffee und – natürlich – Tee!

Wenn Sie im Vorwege Forró schon einmal kennenlernen möchten, gibt es die Möglichkeit dazu beim Tanztag Rhein-Main am 31. Oktober.

Das Tanzfestival Rhein-Main, ein Projekt von Künstler*innenhaus Mousonturm und dem Hessischen Staatsballett im Rahmen der WDC 2026, wird ermöglicht durch den Kulturfonds Frankfurt RheinMain und gefördert durch das Dezernat für Kultur und Wissenschaft der Stadt Frankfurt am Main, das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Forschung, Kunst und
Kultur, die Aventis Foundation und die Dr. Marschner Stiftung. Gesponsort von Energieversorgung Offenbach AG (EVO).

WDC 2026 wird gefördert durch das Land Hessen, die Stadt Frankfurt am Main und den Kulturfonds Frankfurt RheinMain

Überblick zum gesamten Festival