Spielzeit 2026-2027
Liebe Besucherinnen und Besucher,
Wenn ja, was dann? Das ist die Frage, die uns durch die Spielzeit 2026/2027 begleiten soll.
„Renoir und die Liebe“ heißt eine Ausstellung im Frühjahr 2026 in Paris. Sie richtet ihren Fokus darauf, wie der impressionistische Maler Auguste Renoir in vielen seiner Gemälden das betont, was die Ausstellung unter Liebe zusammenfasst. Durch Farben, Pinselstriche, Bildaufbau und Fokus richtet der Maler den Blick auf das, was Menschen verbindet. Er konzentriert sich immer wieder auf Beziehungen, Blicke, körperliche Nähe, auf Paare, Gruppen und auf Gemeinschaft . Renoir malt Menschen in Situationen von Glück, Freude, Verliebtheit, von Nähe und Austausch.
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In der faszinierenden Ausstellung dachte ich darüber nach, ob die darstellenden Künste wie die Kunstgeschichte eine tiefere Beziehung haben zu Tragödie, Unglück, Problem und Krise als zu Komödie, Hoffnung, Lösung und Glück? Und ob viele von uns bewusst oder unbewusst die Darstellung des Negativen in der Kunst qualitativ höher bewerten als die des Positiven? Wie schnell waren und sind Begriff e wie süßlich, heiter, naiv, Kitsch bei der Hand für Rodins Gemälde und viele künstlerische Versuche über das Positive. Die Darstellung des Entsetzlichen, von Einsamkeit, tiefer Verzweiflung, Beziehungskrise gilt schnell als tief bewegend und große Kunst.
Als Regisseur weiß ich, es ist unendlich viel schwerer, viel mehr Arbeit und viel herausfordernder, eine Szene zu inszenieren, in der glaubhaft , wahrhaftig und anrührend zwei Menschen sich verlieben als eine Beziehungskrise mit Streit und spannungsgeladenem Schweigen. Wie oft fällt mir schneller ein, was zu kritisieren ist, was mich stört als was zu loben ist und wofür ich dankbar sein könnte und vielleicht geht es Ihnen auch öfter so? Wenn andere Menschen etwas vorschlagen, Arbeitskolleg*innen, Freund*innen oder Familienmitglieder, wie schnell hat man da einen Widerstand aufgebaut, ist einem gleich eingefallen, was alles dagegensprechen könnte?
Viele Menschen können sich schlechte Erfahrungen weit besser merken, als gute. Deshalb ist manchmal zu lesen, dass es im Durchschnitt etwa sieben gute Erfahrungen brauche, um eine schlechte auszugleichen, also um das Gefühl zu bekommen, die positiven und negativen Aspekte halten sich die Waage. Hierfür werden zwei Gründe angenommen: Erfahrungen speichern sich weit tiefer ab, wenn sie mit starken Gefühlen verbunden sind und oft sind negative Erlebnisse verbunden mit Stress, dem Gefühl von Druck, Angst oder Panik. In einer weit vergangenen Welt voller Gefahren der Natur, Seuchen, feindlicher Stämme und anderen alltäglichen Lebensgefahren war es ein evolutionärer Vorteil, wenn Menschen sich gut an gefährliche, also negative Situationen erinnerten, weil sie dann früher fliehen konnten, wenn es gefährlich wurde. Möglicherweise besteht die heutige Menschheit evolutionär eher aus den Nachfahren der Vorsichtigeren, also derjenigen, die schlechte Erfahrungen als Warnung schnell präsent hatten. Misstrauen gegenüber dem Unbekannten, gegenüber Fremden, Angst, innerer Widerstand gegenüber Risiko und Neuem konnten also evolutionär nützliche Eigenschaft en sein, die die Überlebenschance erhöhen konnten. Hat man aber das unschätzbare Privileg wie wir in einer sehr offenen, zivilen, sicheren, friedlichen Gesellschaft zu leben, gibt es auch Risiken und Gefahren, aber die meisten Menschen müssen nicht jeden Tag um ihr Leben fürchten, wie in anderen Epochen der Menschheit und anderen Gegenden der Welt. Jetzt wäre es von Vorteil, wenn man das Negative nicht übergewichten würde, wenn Vertrauen, Zuversicht, Hoffnung, Liebe, Lust auf Neues, auf Ausprobieren mindestens so stark wären wie Vorsicht, Angst und Misstrauen.
Deshalb fragen wir mit den Mitteln des Theaters, des Diskurses Sie, uns selbst und die Kunst „Wenn ja, was dann?“ Was passiert, wenn die erste Reaktion Zustimmung ist, wenn Lust, Neugier, Freude, nicht innerer Widerstand, Erinnerung an negative Erfahrungen und Angst das Handeln dominieren, wenn die Suche nach einer Lösung, nach dem Weg aus der Krise stärker ist, als der Glaube, dass es sowieso nichts wird?
Was, wenn wir uns eine Spielzeit lang von den Bildern Auguste Renoirs inspirieren lassen und seiner faszinierenden Menschenliebe und seinem Versuch, das Positive, Hoffnung machende, die Liebe zu intensiv zu betrachten und mit den Mitteln der Kunst erlebbar zu machen?
Wir freuen uns auf Sie, auf die Begegnung mit Ihnen und das Gespräch über unsere Fragen, mit der Kunst und direkt.
Ihr Karsten Wiegand
Intendant des Staatstheaters Darmstadt