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Am Beispiel Friedrich Schillers

Über das Stück

"Die Inszenierung ist bildgewaltig, rätselhaft, humorvoll und kurzweilig. Elegant miteinander verwoben, nicht alle Fragen des Zuschauers beantwortend." nachtkritik.de

Für die Heldin der Rettung Frankreichs im 15. Jahrhundert gibt es viele Namen: Jeanne d’Arc, la Pucelle, Johanna von Orléans oder auch Die Jungfrau von Orleans, wie sie bei Friedrich von Schiller heißt. Die historische Figur der jungen Frau aus Domrémy, die von Gottes Stimme geleitet den Feldzug des rechtmäßigen französischen Königs, Charles des VII., gegen den englischen König erfolgreich anführt, ist zu einem Mythos geworden. Mut, Widerstandskraft und unerschütterlicher Glauben werden in ihm gefeiert – von sämtlichen politischen Lagern. Männer wie Schiller haben diese Geschichte im Theater und Film umgeschrieben. Schillers "romantische Tragödie" ist dabei sicher eins der bekanntesten Beispiele für eine kreative Aneignung. Bei ihm gibt es sogar einen ordentlichen Tod auf dem Schlachtfeld und keinen Prozess mit Scheiterhaufen am Schluss. Was fasziniert Schiller und andere Männer an dieser jungen Frau? Bei ihm verkündet Johanna als Maxime der Jungfrau Maria: "Gehorsam ist des Weibes Pflicht auf Erden, | Das harte Dulden ist ihr schweres Los, | Durch strengen Dienst muß sie geläutert werden, | Die hier gedienet, ist dort oben groß." Really? Claudia Bossard untersucht Schillers brillantes Sprachkunstwerk ganz genau und sucht gleichfalls nach einer eigenen Erzählung für eine Frau, die entschlossen den Tod einem Leben ohne Freiheit vorzog.

3 Fragen an Claudia Bossard

Was interessiert dich an Schiller?
Friedrich Schiller ist einer der größten deutschen Dichter und in unseren Gedächtnissen seit der Kindheit und Schulzeit wie imprägniert. Und Johanna ist einer wenigen historischen Frauenfiguren, die es in die Geschichtsbücher geschafft haben, als mutige Kriegerin, in allen möglichen Variationen. Und die Kombination aus Schiller und Jeanne d’Arc zu untersuchen und auch zu verstehen, warum Schiller dem Stoff eine romantische Wende gegeben und eine Heldengeschichte draus gemacht hat, das gilt es natürlich kritisch zu hinterfragen und zu dekonstruieren. Allein schon deswegen, weil er Johanna ihrer republikanischen Kräfte, ihres Aufbegehrens gegen die Herrschaft beraubt, sie am Schluss als Heilige, fast schon als Engel oder Mutter Gottes in den Himmel schickt. Und sich da zu fragen "Warum?" ist natürlich ein interessanter Punkt.

Was interessiert dich an Johanna?
Dass Johanna von so unterschiedlichen politischen Lagern vereinnahmt wurde, von den Nationalisten als Patriotin, von den Republikanern als Aufständige, von den Katholiken als Inbegriff der Frömmigkeit, von den Sozialistin als Frau aus dem Volk die sich gegen die Herrschenden auflehnt, von den Intellektuellen als Hommage an den freien Willen, von den Anarchisten als Frau, die sich gegen die Regeln stellt, dass  also unzählige Menschen und Systeme und Ordnungen diese Frau interpretiert haben, liegt natürlich daran, dass der Kern von Johanna immer eine Leerstelle bleibt. Es gibt historische Zeugnisse, aber alles was sich darüber aufgeschichtet hat ist Fiktion und Fantasie. Das ist interessant, weil man daran immer auch etwas über die Entwicklung des Denkens und Handelns der Menschen in den jeweiligen Zeiten und Epochen lernen kann, und welche Diskurse es gab; am Beispiel einer unfassbar mutigen jungen Frau, die vielleicht einfach nur selbst in den Krieg wollte und vielleicht gar keine andere Wahl hatte, als Gott oder eine göttliche Berufung als Argument einzusetzen, um beim König vorzusprechen. Denn niemand hätte sie zu dieser Zeit als Frau sonst ernst genommen. Und das zu untersuchen am Beispiel von Friedrich Schiller ist interessant, denn es gilt, finde ich, die starken weiblichen Frauenfiguren freizuschreiben von ihrer Geschichtsschreibung, um zu sehen was bleibt, wenn man den Mythos bei Seite schiebt.

Was bedeutet Johannas Geschichte für heute?
Dass Johanna bei dem Prozess in Rouen in ihren letzten Minuten Hosen trug und ihr deshalb von Seiten des Gerichts Hochmut attestiert wurde, das ist belegt in den Gerichtsdokumenten, ist ein spannendes Indiz; weil es eine junge Frau zeigt, deren politischen Ansprüche ein gewisses Aufbegehren in sich trugen, das nicht systemkonform war und angeeckt ist. Das wollte man nachher eliminieren oder das Ganze in der Entstehung des Mythos verschönern und  verfeinern, wie Schiller das getan hat. Dass damit aber auch ein revolutionärer und märtyrerischer Kern eines Menschen und einer historischen Figur erstickt wurde und sie dafür mit dem Tod bezahlte, das ist interessant. Und darauf hin sollte man die Geschichte erzählen, finde ich. Denn was das für das Heute bedeutet ist, dass das  Aufbegehren einer jungen Frau, einer weiblichen Stimme, natürlich nach wie vor lieber etwas ruhig gehalten und zurückgedrängt wird.

Termine & Tickets

Keine bevorstehenden Termine.

Medien

Besetzung

Mitwirkende


Johanna von Orléans
Jeanne d'Arc
La Hire / Lionel
Karl VII, König von Frankreich
Königin Isabeau, seine Mutter
Agnes Sorel
Graf Dunois, Bastard von Orléans
Du Chatel
Philipp der Gute, Herzog von Burgund
Talbot & Falstoff, Feldherren von England
Erzbischoff von Reims

Leitungsteam


Regie und Fassung
Bühne und Kostüm
Elisabeth Weiß
Video und Sound
Dramaturgie
Christina Zintl