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Oper in vier Bildern von Giacomo Puccini / Libretto von Giuseppe Giacosa und Luigi Illica nach dem Roman „Scènes de la vie de bohème“ von Henri Murger / Musikalische Fassung von Jonathan Dove

Über das Stück

Vier Künstler im winterkalten Paris: Zwischen Unabhängigkeit und Armut, zwischen Ausgelassenheit und alltäglichen Widrigkeiten suchen der Schriftsteller Rodolfo und seine drei Freunde nach dem Inbegriff der Kunst. Der Auftritt der Nachbarin Mimì verändert alles, mit ihr beginnt die eigentliche Geschichte. Rodolfo und Mimì verlieben sich heftig ineinander, doch der ersten Begegnung und dem Aufschwung der Liebe ist die Vergeblichkeit schon eingeschrieben. Mimìs Händchen ist eiskalt, sie ist unheilbar an Tuberkulose erkrankt. „Ich bin der Poet, und sie ist die Poesie“: Wird Mimì durch ihren Tod selbst zum Kunstobjekt für Rodolfo? 
Mit „ La Bohème“ gelang Puccini 1896 trotz zunächst verhaltener Publikumsreaktionen der endgültige Durchbruch als Komponist und zweifelsohne sein größter Welterfolg. Mit einer beeindruckenden musikalischen Farbpalette und einem präzisen Gespür für Timing setzte er der Künstlerbewegung seiner eigenen Jugend ein so tragisches wie schönes Denkmal. 

Drei Fragen an Regisseur Wolfgang Nägele

La Bohème ist eine der meist gespielten und beliebtesten Opern der Welt. Wie näherst Du dich diesem Klassiker der Opernliteratur in Deiner Inszenierung? 
La Bohème ist ganz romantische Verklärung: Das alte Paris, der arme Künstler in der Mansarde, die schmerzhafte Liebe bis in den Tod. 
Puccini selbst ist 1886, im Jahr der Uraufführung, längst ein internationaler Star und von den prekären Verhältnissen eines Rodolfo denkbar weit entfernt, dennoch gelingt es ihm, diese überwältigende todtraurige Hommage auf die anarchische Kraft und Ungebundenheit der Jugend zu schreiben.
Ich habe mich von Anfang an sehr für die Idee interessiert, Bohème als Retrospektive zu erzählen. In unserer Inszenierung stellen wir die Frage, was passieren würde wenn sich Rodolfo und Mimi Jahre später neu begegnen und sich gegenseitig mit der gemeinsamen Vergangenheit konfrontieren würden. Wie hätte sich das Erinnern an das Erlebte in ihren eigenen Wahrnehmungen verklärt bzw. verzerrt? Inwiefern schreiben sie vielleicht sogar die Biographien bewusst zum Zwecke der eigenen Mythenbildung um?
 
Die Geschichte um vier Bohèmiens im Paris der 1830er Jahre und die damit verknüpfte Liebesepisode von Rodolfo und Mimì erzählt auch sehr viel über die Produktion von Kunst und den Versuch einer Selbstdefinition als Künstler. Wie aktuell ist der dort verhandelte Kunstbegriff?
Studiert man Henri Murgers Scènes de la vie de bohème, die literarische Vorlage zur Oper, wird das Leben als „Bohèmiens“ nie als Ist-Zustand, sondern immer als Transformations-Zustand zur künstlerischen Anerkennung, zum ökonomischen Erfolg als Künstler, etc. beschrieben. Das prekäre Leben in der Dachkammer ist lediglich eine zeitlich begrenzte Phase, die zwar kreative Energien freisetzt, aber überwunden werden muss. Sie ist nie ein Aufbegehren gegen soziale, gesellschaftliche Gesetzmäßigkeiten, sondern vielmehr der Versuch der Teilhabe am großen Kuchen. La Bohème ist ein Künstlerdrama, aber keines, das den revolutionären Künstler ausruft. Insofern entlarvt es den romantischen Künstlerbegriff und spiegelt sicherlich überzeitliche, auch aktuelle, Tendenzen am Kunstmarkt wieder.

Welchen Bezug zum Spielzeitmotto „Komm ins Offene“ siehst Du in Deiner Inszenierung von „La Bohème“?
Ich glaube daran, dass eine Operninszenierung per definition schon grundsätzlich ein Gemeinschaftswerk ist. Schließlich sind am Gelingen einer Produktion so viele Menschen beteiligt, dass das pure Aufzählen schon den Rahmen hier sprengen würde. So eignet sich die Form hervorragend als Spielwiese um verschiedene Formen der gesellschaftlichen Teilhabe zu erproben.
Die Oper La Bohème zeigt das Individuum in seiner Abhängigkeit und deckt seine Austauschbarkeit auf. Von der Mimi-Rodolfo-Geschichte bleibt für Rodolfo lediglich eine Anekdote, eine Erinnerung zurück. Mimi ist gestorben an der Seuche, in diesem Fall Tuberkulose. Puccini erzählt psychologisch genau, aber dennoch fragmentarisch einzelne Schlaglichter einer Mann-Frau-Beziehung. Seine Figuren machen keine Entwicklung durch. Das Individuum tritt so zu Gunsten einer exemplarischen Erzählform zurück. Die große Liebesgeschichte ist letztendlich in den übergeordneten gesellschaftlichen Zusammenhängen nicht von Bedeutung.


 

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