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Oper von Richard Wagner

Über das Stück

Die Helden der Mythologie müssen fraglos dem Schicksal gehorchen. Aus ihnen sprechen die höheren Mächte. Was ist da schon ein Individuum? In einer naiven Lesart scheint die Welt in Wagners „Lohengrin“ gut sortiert. Das Führerprinzip samt Krieg und Gewalt (König Heinrich und Lohengrin) wird nicht in Frage gestellt. Aber Kern des Lohengrin-Dramas bei Wagner ist vor allem das Verbot der alles entscheidenden Frage. Der Held Lohengrin, aus höheren Sphären stammend, rettet Elsa vor der Anklage, knüpft das aber an seine ausschließende Bedingung: Elsa darf nicht fragen, wer er sei. Haben Ortrud und Telramund, die Wagner als dämonisches Intrigantenpaar zeigt, nicht recht, wenn sie Elsa raten, diese zentrale Frage nach seiner Herkunft zu stellen? Ist Elsas Frage nicht auch offene Kritik an einem unreflektierten Führermyhtos, dem die Massen blind und allzu gern folgen?

3 Fragen an Thomas Wieck

Wagner ist immer wieder auf jeden Spielplan? Die Kraft seiner Musik ist immens – wie aktuell ist Wagner heute? 
Inszenatorisch bewegt immer von Neuem Richard Wagners treffliche Kritik der Oper aus dem Jahre 1871: 
„Das Schauspiel darf nämlich, auch nur in seiner äußerlichen Wirkung auf das Publikum betrachtet, immer noch des Vorzuges sich rühmen, dass in ihm die dargestellte Handlung selbst, sowie die sie verknüpfenden Vorgänge und erklärenden Motive verständlich werden müssen, um die Teilnahme des Zuschauers zu fesseln, und dass ein Stück, von lauter deklamatorischen Effektstellen zusammengesetzt, ohne eine zugrunde liegende, verständlich sich ausdrückende und dadurch das Interesse bestimmende Handlung, hier noch zu dem Undenkbaren gehört. Dagegen darf nun der Oper zur Last gelegt werden, dass hier eine bloße Aneinanderreihung auf die Erregung eines rein sinnlichen Gefühlsvermögens berechneter Effektmittel, sobald in ihrer Aufeinanderfolge nur ein gefälliger Wechsel von Kontrasten geboten ist, durchaus genügt, um über die Abwesenheit jeder verständlichen oder vernünftigen Handlung zu täuschen.“ Wagner meint hier die durchschnittliche Opernproduktion des 19. Jahrhunderts, aber er scheint meines Erachtens auch die Art und Weise gegenwärtigen Inszenierens zu treffen. Mehr und mehr verrätselte, sehr effektvolle, aber im Sinn nicht zu erschließende Inszenierungen sehe ich (wir), das kann die Zukunft der Oper eher verstellen denn eröffnen. Der Fabel des Werkes, der  Geschichte oder wie das „Herzstück“ der theatralischen Veranstaltung auch genannt werden mag, ist inszenatorisch zu folgen und Verständlichkeit, nicht zu verwechseln mit platter Eingängigkeit, ist trotz allen kulturkritischen Verdikts die Grundvoraussetzung, um mit dem Publikum ins Einvernehmen zu kommen. Verständlichkeit schließt Rätselhaftes ein, schließt aber die Verrätselung als angebliche Innovation inszenatorischer Kreativität strikt aus. Das bleibt natürlich immer ein Balanceakt – das ist im Schauspiel ziemlich egal – weil hier kein Korrektiv in der Inszenierung mitläuft, weil das Schauspiel ja längst den Stücktext als lästiges Übel ignoriert bzw. links liegen lässt oder ironischerweise ab und an zu Gehör bringt und ihn dabei gleichsam zermahlt. Das geht nun im Musiktheater eben noch nicht – Gott sei Dank.

Was bedeutet der Lohengrin-Stoff für Sie?
Dasselbe wie für Wagner. Ein glasklares Machtspiel, das Wagner, sich mythischer, geschichtlicher und zeitgeschichtlicher Elemente und Verweise bedienend, großartig verschmilzt zu einem Polit-Thriller, der  in hochbrisanter vorrevolutionärer Zeit wirken soll. Das historische Unglück wollte es, dass die Uraufführung 1850 in Weimar verspätet und am wahrlich falschen Ort stattfand und so wurde im Zuge dieser Uraufführung die Oper  leichthin umgedeutet zu einem Hohelied der vergeblichen Liebe einerseits und andererseits zu einem Bekenntnis unerschütterlichen Glaubens an die gottgesandten und gottbegnadeten Führer, an die Genies verschiedenster Couleur. Beide Bedeutungen des Werkes sind heute inszenatorisch zu berücksichtigen und das ist das wirklich Geniale an „Lohengrin“: Die Musik hält heute wie damals stand in ihrer dramatischen Schlagkraft, sie ist ein unmittelbares, hochartifiziell genutztes Kampfmittel der Figuren und Chöre in diesem historisierenden Machtspiel und sie ist zugleich 1845 ein hochmoderner bisher unerhörter musikdramatisches Ausdruck, ganz der Gegenwart verpflichtet, indem sie  die zur gewaltsamen Entladung drängenden gesellschaftlichen Spannungen einfängt und – gewiss hochproblematisch ins Wunderbar-Transzendente sublimiert. Ein Meisterstück politischer Rhetorik und utopischen Verweises, nichts weniger als eine deutsche Oper, die in dieser kontradiktorischen Zerklüftetheit von Wagner kraft seines enormen theatralischen und musikalischen Könnens  zu einer widersprüchlichen Werkgestalt zusammengezwungen wird und so – und nur so – die reale Dialektik der geschichtlichen Entwicklung deutscher Bürgerlichkeit reflektieren kann, also ganz gegenwärtig ist und bleiben wird.  

Unser Spielzeitmotto ist „Abschied von den Helden“. Welchen Bezug gibt es für Sie bei „Lohengrin“?
Klar ist: Heldentenöre brauchen wir landauf landab auf unseren Opernbühnen. Dort sind Helden unentbehrlich. Überhaupt: künstlerische Fiktionalisierungen der Wirklichkeit kommen ohne Heldinnen und Helden nicht aus. Der sich selbst abschaffende Held ist ein Papiertiger aus dem Kramladen des verblichenen sozialistischen Realismus. In der Realität braucht es dem Gemeinwohl verpflichtete, solidarisches Handeln vorlebende Verantwortungsträger und keine „Helden“, sprich ideologisch aufgebähte Hoffnungsträger aller denkbaren politischen Richtungen und ideologischen Schattierungen. Dem Parteienhader und den medialen Untiefen zu entkommen, erfordert freilich schon wieder Heldenmut. Wir brauchen also Helden, die Verhältnisse schaffen, in denen Heldisches Privatsache werden kann. Zeitgemäße Heldinnen und Helden beweisen sich als solche in der Tiefe und Breite ihres realen sozialen Engagements und in der aufklärerischen Wirkungskraft ihrer radikalen Gesellschaftskritik, damit sich die Verhältnisse humanisieren.

Termine & Tickets

April 2020

Mai 2020

Juni 2020

Besetzung

Mitwirkende


Mit
Staatsorchester Darmstadt
Opernchor des Staatstheaters Darmstadt

Leitungsteam


Musikalische Leitung
Regie
Andrea Moses
Bühne und Kostüm
Christian Wiehle
Dramaturgie
Thomas Wieck
Choreinstudierung