Ihren Weltruhm verdanken die beiden italienischer Eifersuchtsdramen der genialen Marketing-Strategie des linksliberalen Musikverlegers Edoardo Sonzogno, der das Quasi-Monopol des Hauses Ricordi – Verlag von Verdi und Puccini – im Bereich der italienischen Oper brechen will. Von aktuellen Einwicklungen in Frankreich begeistert, fordert er eine radikale Modernisierung Italiens und präsentiert dort vorbildhafte französische und deutsche Opern. Dann lobt er einen Wettbewerb aus: Junge italienische Komponisten sind aufgefordert, Einakter einzusenden, die italienische Traditionen mit internationalen Innovationen verbinden.
Mascagnis „Cavalleria rusticana“ wird zum Sensationserfolg von dessen zweiter Auflage. Der Oper, die Erzählweisen des Naturalismus mit innovativer Orchesterbehandlung und Melodienreichtum vollerItalianità verbindet, liegt eine Kurzgeschichte des sizilianischstämmigen Intellektuellen Giovanni Verga zugrunde. Diese erzählt in lakonisch kurzen Sätzen ein Eifersuchtsdrama aus der Sicht des schönen, aber armen Turiddu, dessen Verlobte Lola, während er beim Militär war, den reichen Fuhrmann Alfio geheiratet hat. Um sich zu rächen, macht er deren Nachbarin Santuzza den Hof. Als Lola daraufhin wieder Interesse an Turiddu zu zeigen scheint, sieht diese sich vernachlässigt und erzählt Alfio, dass ihm Hörner aufgesetzt werden. Derart entehrt muss Alfio Turiddu zum Duell fordern und tötet ihn. Verga machte daraus später ein Theaterstück für die Starschauspielerin Eleonora Duse als Santuzza. Wie dieses reiht Mascagnis Oper emotionale Ausnahmesituation an emotionale Ausnahmesituation, wie die Novelle versucht sie, das Leben in einem aus norditalienischer Sicht rückständigen sizilianischen Dorf und seine archaischen Rituale so realistisch wie möglich zu erzählen. Das Opernpublikum ist von der „Sizilianischen Bauernehre“ begeistert – allerdings vor allem, weil es Sizilianer exotisch findet.
Das widerspricht dem naturalistischen Ansatz, der mit quasi wissenschaftlicher Genauigkeit zeigen will, dass arme Leute denken und fühlen „wie du und ich“. Dieser Zwiespalt inspiriert Ruggero Leoncavallo zu „Pagliacci“. Sein Einakter über „Die Menschen aus Stroh“, ist von nach dem Vorbild Mascagnis ebenfalls ein süditalienisches Eifersuchtsdrama, Kernthema sind jedoch derartige Widersprüche im Verhältnis von Bühnenkunst und Realität: Der Schauspieler Canio tötet, während er den traurigen Clown und stets gehörnten, lächerlichen Ehemann Bajazzo spielt, seine Frau, die nicht nur im Stück allabendlich in der Rolle der Colombina ihren Liebhaber Arlecchino empfängt, sondern neuerdings auch in der Wirklichkeit eine Affäre hat.
Das Team um Dirigent Alessandro Palumbo und Regisseur Karsten Wiegand verfolgt auf den Spuren der Komponisten ganz unterschiedliche Strategien. Während es in „Cavalleria“ fragt, wie ein mediterranes Dorf auf dem Theater Schauplatz einer archaischen Tragödie werden kann, ohne in Exotismus abzugleiten, thematisiert es in „Pagliacci“, ob sich in Zeiten von Social Media überhaupt noch zwischen Rolle und Darsteller unterscheiden lässt.
Cavalleria rusticana / Pagliacci
Kurzopern von Pietro Mascagni / Ruggero Leoncavallo / empfohlen ab 14 Jahren
MUSIKALISCHE LEITUNG Alessandro Palumbo
REGIE & BÜHNE Karsten Wiegand
KOSTÜM Judith Adam
CHOREOGRAPHIE & CO - REGIE David Laera
EINSTUDIERUNG CHOR Guillaume Fauchère
Premiere am Samstag, 29. August, 19:30 Uhr | Großes Haus