Interview mit Regisseur Frank Alexander Engel

"Shockheaded Peter" ist ein überzeugender Zugriff auf Hoffmanns "erzieherisches" Kinderbuch "Struwwelpeter" von 1844. Was macht diese Arbeit der britischen Band The Tiger Lillies von 1998 für Dich so besonders?

Ich selbst habe in meiner Kindheit um den "Struwwelpeter" des Herrn Hofmann immer einen großen Bogen gemacht. Diese Geschichten waren mir zu tiefst unheimlich. Besonders der dämonische Schneider mit der (zu) großen Schere. Aber sie übten damals wie auch heute eine Faszination aus, die schwer in Worte zu fassen sind. Dieses skurrile Abgründige, Haarsträubende, Verbotene wird in der Adaption der Tiger Lillies noch auf die Spitze getrieben. Wenn es für die Kinder im Hoffmannschen "Struwwelpeter" noch so etwas wie Hoffnung gibt, ist in der Adaption durch die Tiger Lillies davon nichts mehr übrig. Alle Kinder sterben einen unschönen Tod. Sie ersticken, verbrennen, verbluten, ertrinken, verhungern. Nur beim fliegenden Robert ist nicht völlig klar, wo ihn der Sturmwind hingetragen hat. Vielleicht ja doch auf ein rettendes Eiland. Aber eigentlich ist davon nicht auszugehen. Sehr britisch. Ich als Publikum habe am (lustvollen)Untergang der Figuren teil- das ist ein bisschen wie damals bei den öffentlichen Hinrichtungen im Mittelalter. Auch ein Spektakel. Wenn ich es positiv benennen möchte, üben alle Kinder durch ihr "sich verweigern" zivilen Ungehorsam aus- sie setzen sich über Verbote, gesellschaftliche Normen hinweg-aus der Sicht einer sich immer mehr domestizierenden Welt, finde ich das sehr sympathisch und erfrischend. Es wird schon seinen Grund haben, warum dieser Stoff immer noch verlegt und gespielt wird, auch wenn es Stimmen gibt, die dieses Buch am liebsten umschreiben, mildern oder ganz aus dem Sortiment nehmen möchten. Ich glaube, der "Shockheaded Peter" will nicht politisch korrekt sein. Das darf er auch gar nicht, weil er ansonsten seine schräge Wirkung verliert. Und ein Publikum kann und darf bei diesen schrillen, absurden, nicht korrekten  Geschichten auch ganz ungezwungen lachen. Oder auch die Vorstellung verlassen.

Du erzählst "Shockheaded Peter" als Figurentheater. Ein Zugriff, der vieles möglich macht?

Wir benutzen in unsere Inszenierung Mittel des Figurentheaters als auch des Schauspiels. Und des Musiktheaters. Figurentheater bietet ein großes Spektrum an Spiel- und Darstellungsmöglichkeiten. Es ist schwer eine Grenze zu ziehen, wo das Eine anfängt und das Andere beginnt. Unsere Arbeit wird kein ausschließliches Puppen-Figurentheater sein. Wir bedienen uns beider Künste. Mittel des Figurentheaters unterstreichen viel mehr das Absurde, Skurrile, Kafkaeske einer Situation. Puppen-Figurentheater ist in erster Linie (für mich) ein visuelles Theater. Es geht viel über die Form. Eine Begegnung von Puppen- und Schauspiel auf der Bühne ist spannend. Das eine bereichert sich am anderen - das mag ich sehr. Und Puppen-oder Figurentheater ist Theater schlecht hin.

Es gibt Puppen, es gibt großartige Kostüme, zweidimensionale Requisiten. Du arbeitest schon lange mit der Ausstatterin Kerstin Schmidt zusammen. Wie muss man sich die Zusammenarbeit zwischen Euch beiden und dem jeweiligen Theater, an dem Ihr arbeitet, vorstellen?

Das ist von Fall zu Fall unterschiedlich. Manchmal gibt das Thema schon eine Richtung vor. Wir haben es uns angewöhnt, gleich zu Beginn der Gespräche mit den Theatern nach den Budgets für die Ausstattung zu fragen. Für uns ist das eine wichtige Information, dahingehend, welchen Umfang wir uns ausdenken können. Als Zweites fragen wir nach den Möglichkeiten der Werkstätten. Also welche Arbeiten können wir ans Theater abgeben, was können wir in unserer Werkstatt  realisieren. Beide bauen wir gerne Figuren selbst, auch manches Kostüm. Kerstin ist da eine wahre Meisterin drin. Ich lese viel, bin viel im Netz unterwegs, wenn es bewegte Bilder zum Thema gibt, sehe ich mir diese an. So umkreise ich das Thema. Dann kritzel ich viel mit dem Bleistift Skizzen, Kostümvorschläge, Raumsituationen, ein Storyboard entsteht. Dann treffen wir uns und besprechen. Was die Wahl der Mittel anbelangt, entscheidet zu Weilen die Lust, also auf welche Form, auf welches Material, auf welche Puppen- Figurenart haben wir Lust. Richtig fertig gestellt werden die Figuren, das Spielmaterial aber erst während der Proben. Da verändert sich noch Vieles, was wir im Vorfeld gar nicht denken konnten. Da ist der Zufall unschlagbar.

Gerne noch ein paar Worte zur musikalischen Ebene dieses Abends...

Ach ja, die Musik! Sehr wichtig. Denn eigentlich wird es ein Opernabend- ein Junk Opernabend. Mit Hjo Osmer haben wir einen ganz wunderbaren, sehr kreativen, sehr mutigen Bandleader, der sich im Genre der leichten Muse bestens auskennt. Den Abend wird eine vierköpfige Band bestreiten-live! Unsere Darsteller*innen werden singen! Auch live!! Es ist durchaus beabsichtigt, wenn der ein und andere Song an Polka, Jazz, Punk, Tango, Musette, Militärmarsch erinnert. Also alles, was eine gute Junk Oper ausmacht.

Das Interview führte Produktionsdramaturg Oliver Brunner

Struwwelpeter