Spielzeit 2022 / 2023

Kunst, Theater, Musik, Tanz sind Übungsräume für die Fantasie des Menschen. Die wahren Bühnen im Theater sind die Herzen, Hirne und die Seele der Zuschauer*innen. Etwas findet auf der Bühne statt und wenn daraus in der Innenwelt der Menschen, die es hören und sehen eine Vorstellung, eine Resonanz entsteht, dann ereignet sich Theater. Dass diese Sängerin Lulu ist und jener Schauspieler auf der Bühne Hamlet, das wird erst in der Imagination der Anwesenden real. Die Geschichten dieser Figuren können in uns eine eigene Phantasie in Gang setzen und in uns weiter leben.

Weil die Kunst nichts muss, kann sie einen Raum öffnen, um sich Neues, auch Wildes, Unmögliches, Utopisches, Abgründiges vorzustellen. Dieser Raum ermöglicht spielen, Probe handeln, eine Welt neben der Realität. Eine Welt der Freiheit, die Neugier, Wünsche, Zukunftsgedanken ebenso aktivieren und beherbergen kann wie Spiritualität, Rituale, wildes Denken, Kritik, Gegnerschaft, Sinnloses und vieles mehr.

Wenn Menschen etwas verändern wollen in ihrer Welt, in ihrem Leben, dann analysieren sie oft erst einmal, was sie nicht mehr wollen, was sie anders machen wollen. Kritisch zu betrachten, was bisher war, ist wichtig. Der wirkliche Veränderungsprozess aber fängt damit an, sich vorzustellen, wie man es stattdessen machen will. Erst wenn man sich konkret vorstellt, wie es anders sein könnte, erst wenn das neue Handeln in der Fantasie (oder im Spiel) real geworden ist, macht man sich auf den Weg.

Fantasie und Vorstellungskraft, immer wieder frei ins Offene zu denken und zu fühlen, stärkt in Menschen das Gefühl, etwas bewirken zu können, sich lebendig und mitgestaltend zu erleben. Das ist in Krisenzeiten umso wichtiger, um sich im stetigen Strom schlechter Nachrichten nicht hilflos, machtlos und pessimistisch zu fühlen. Pessimismus und Hilflosigkeit helfen nur dem Bestehenden.

Deshalb: Stell Dir vor, was diese Figur tun könnte, stell Dir vor, es könnte anders sein, stell Dir vor.

Spielzeit-Zeitung